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Fragebogen: Bedeutung und Verdrängung des Freiraum Elbtal

Fragebogen für eine Bachelorarbeit mit dem Thema:

Verdrängung von nicht-profitorientierten Projekten in der Kulturhauptstadt Dresden.

Anhand des Beispielprojekts „Freiraum Elbtal e.V.“

Fragebogen:

1. Wodurch zeichnet sich Ihrer Meinung nach Dresden als „Kulturhauptstadt“ aus?

Dresden will sich den Titel „Kulturhauptstadt“ verdienen. Es wird nicht ausreichen, die barocke Architektur oder die altmeisterlichen Kunstschätze zur Legitimierung dessen vorzuzeigen. Das gesteht sogar Dresdens Kulturbürgermeister Lunau ein (siehe Link MDR).

Meiner Meinung nach begründet sich der Mythos der „Kultur-Stadt Dresden“ auf dem kulturellen Erbe August des Starken, sowie verschiedener Sammlungen (Malerei, Porzellan).

Dresden steht auch in dem Ruf eine „Stadt der Innovationen“ zu sein (Gartenstadt Hellerau, Mikro-Chip-Industrie). Dies jedoch auch in der Vergangenheit betrachtet.

Noch dazu will Dresden sich als moderne Stadt sehen, gar als „Kulturstadt von Europäischem Rang“, wie OBin Orosz auf der Dresden-Seite schreibt (Link).

Jedoch reicht dies in meinen Augen schon lange nicht mehr aus, um Dresden als Kultur-Stadt oder gar Kultur-Hauptstadt zu bezeichnen.

Sollte Dresden diesen Titel ernsthaft erwerben wollen, muss einiges an den Rahmenbedingungen für aktuell kulturschaffende, schöpferische und gesellschaftlich selbstorganisiert-aktive Menschen getan werden. Sonst ist das Ziel nicht zu erreichen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Kulturhauptstadt_Europas

http://www.mdr.de/kultur/dresden-kulturhaupststadt100_zc-15948bad_zs-86171fdd.html

http://www.dresden.de/de/02/010/ziele2025.php

2. Was zeichnet Ihrer Meinung nach nicht-profitorientierte Projekte, wie beispielsweise der Freiraum Elbtal, aus?

Der Freiraum Elbtal bietet einerseits Platz, Werkstätten und Ateliers für Künstler_innen und Kulturschaffende sowie Kreative. Räume sind finanzierbar und weitestgehend frei gestaltbar.

Das Raumangebot, die Aktiven und Nutzer_innen vor Ort erschaffen andererseits ein Ambiente für kreative und non-profit-Projekte.

Alles ist aus eigener Kraft und auf Grundlage von Eigeninitiative entstanden.

Dadurch entsteht ein besonderes Flair, in dem viel Co-Operation, Ehrenamt und neue Ideen entstehen können.

Re- und Upcycling bildet oft die Grundlagen dessen, was auf dem Freiraum Elbtal gestalterisch entsteht. Improvisationen sowie pfiffige und unkonventionelle Lösungen begeistern immer wieder. Dies regt fast zwangsläufig auch die Phantasie und Gespräche über Nachhaltigkeit an und darüber, in was für einer Welt wir leben wollen.

Gemeinschaftlichkeit bildet eine notwendige und lehrreiche Grundlage, will man gemeinsam ein Gelände wie den Freiraum Elbtal betreiben. Das gibt es immer wieder Anlass, die eigene Rolle in der Gruppe und auch Kommunikationsformen zu reflektieren und auszuprobieren. Alle Entscheidungen werden in der Gruppe gefällt, das ist nicht immer leicht, erfodert Diszipin und Aufmerksamkeit.

Die Selbstentfaltung jedes/r einzelnen spielt eine große Rolle, der Freiraum Elbtal gibt reichlich Gelegenheit, sich auszuprobieren. Auch hier spielt die Gemeinschaft eine große Rolle: Hilfsbereitschaft, Toleranz und Selbsterfahrung sind an der Tagesordnung.

Das spüren auch Gäste und Nutzer_innen.

Das Gelände und das Projekt steht Interessierten offen, kann gern besucht werden. Schon oft gab es träumerische, visionäre, anregende und hilfreiche Gespräche mit Besucher_innen, die aus den unterschiedlichsten Gründen zu Gast waren. Auch kritische Fragen tauchen auf und werden diskutiert. Ganz selbstverständlich verschwimmen oft die Grenzen zwischen dem persönlichen Erfahrungshorizont und gesellschaftlichen, auch politischen Themen.

3. Welchen Nutzen können diese Projekte für die Gesellschaft haben?

Was bedeutet „nicht-profit-orientiert“? Meist bezieht sich diese Formulierung auf den ökonomischen Mehrwert. Gäbe es keinen Nutzen, wären solche Projekt überflüssig. Sind sie aber nicht – gerade jetzt nicht, in unserer ökonomisierten Welt. Gesellschaftlicher, sozialer und inidividueller Profit wird selten als solcher bezeichnet. Dabei bildet er eine lebensnotwendige Grundlage für das menschliche Gefüge.

Non-profit-Projekte setzen Projekte und Initiativen in die Welt, die häufig unter Gesichtspunkten der ökonomiesierten Gesellschaft gar nicht entstehen würden. Ein hoher Grad an Idealismus und Visions-Kraft verleiht den Aktiven die Kraft, Neues zu kreieren und Angebote zu schaffen.

Fast immer entstehen selbstorganisierte non-profit-Projekte rein ehrenamtlich, meistens bleiben sie es auch.

Da die Initiator_innen die Angebote ihren Bedürfnissen entsprechend ausrichten, kann man sagen: Hilfe zur Selbsthilfe. Etwas, das mir in meiner Umgebung noch fehlt, erschaffe ich selbst. Meist in einer Gruppe.

Sehr häufig beschränken sich diese Angebote nicht auf den Kreis der Initiator_innen. Fast immer sind Gleichgesinnte und Interessierte herzlich willkommen, werden eingeladen und sind oft sogar notwendig, um das Projekt am Laufen zu halten. Wenn ein Angebot keinen Zuspruch oder auf längere Sicht keine Unterstützung durch neue Leute erfährt, verschwindet es häufig wieder.

Die Selbstorganisation der Projekte bietet den Aktiven einen hohen Grad an Gestaltungs- und Entscheidungsmöglichkeiten.

Zusammengefasst könnte man sagen: non-profit-Projekte bieten den Initiator_innen den Mehrwert, eigene Ideen zu realisieren und sich auszuprobieren. Der Gesellschaft bieten sie den Mehrwert, dass immer wieder neue Angebote und Initiativen entstehen. Diese bilden zusammen einen vielfältigen und inspirierenden Bestandteil einer lebendigen Kultulandschaft.

Non-profit heißt häufig, dass Angebote wenig oder kein Geld kosten. Dadurch sind sie auch denen zugänglich, die wenig Geld haben und auf kommerzielle Angebote darum verzichten müssen.

4. Sind Sie der Meinung, dass nicht-­‐profitorientierte Projekte von der Stadt Dresden ausreichend unterstützt und gefördert werden?

Nein.

5. Was könnte die Stadt Dresden tun, um diese Art von Projekten (noch) besser zu unterstützen und zu fördern?

Non-profit-Angebote kosten Geld*, spielen aber keins ein (*Miete, ggf. Honorare, Material etc.). Darum sind sie häufig auf Fördermittel und Spenden angewiesen. Seit Jahren gehen Fördermittel für soziale und gemeinnützige Projekten zurück. Die „Beschaffung“ der Mittel wird immer aufwändiger und nervenzehrender, sie bindet wertvolles ehrenamtliches Potential. Schon alleine das Ausfüllen von Anträgen und der Nachweis für die Verwendung der Mittel selbst bei Kleinst-Beträgen schreckt ab.

Zahlreiche Initiativen improvisieren daher und auch aus anderen Gründen. Häufig wird auf Honorar verzichtet und viel improvisiert.

Es wäre hilfreich, wenn die Stadtverwaltung hierbei mehr MIT den Initiator_innen arbeiten würde, als zusätzliche Hürden einzubauen (bürokratisch, Verteilung, aufwändige Nachweise, allgemeine Ignoranz gegenüber zahlreicher Stunden ehrenamtlicher Tätigkeit etc.).

Ein Orden für Ehrenamtliche nützt nicht viel. Vielmehr sollte es eine stärkere Unterstützung und Honorierung der Aktiven geben, z.B. indem die Auskunfts- und Hilfsbereitschaft in der Stadtverwaltung stärker spürbar und praktiziert wird. Hier sehe ich viel Nachbesserungsbedarf.

Häufig scheint es so, als würde Ehrenamt eher als störend und lästig empfunden.

Und das, obwohl öffentlich der Mangel an Ehrenamtlichen und Eigen-Initiative beklagt wird. Das widerspricht sich offensichtlich.

6. Sind Sie der Meinung, dass nicht-­‐profitorientierte Projekte, wie der Freiraum Elbtal, aus und/oder von der Stadt Dresden verdrängt werden?Bitte begründen Sie Ihre Antwort.

Der Freiraum Elbtal ganz konkret hat das Problem, dass er von dem Grundstück verschwinden soll, das er seit einigen Jahren mit viel Mühe hergerichtet und betrieben hat.

Es ist in privater Hand und soll verkauft werden, damit ein Wohnungs-Neubau darauf entstehen kann.

Auf der Suche nach einem Ausweichgelände haben wir auch die Stadt um Hilfe gebeten sowie beim Erhalt des Projekts am jetzigen Standort.

Anstatt Hilfe hat das Projekt jedoch zuerst zahlreiche Widerstände erfahren . Immer wieder mussten wir unseren Mehrwert für die Gesellschaft nachweisen. Vermutlich, weil wir bisher nie um Unterstützung bei der Stadt angefragt haben – darum waren wir quasi nicht existent.

Über die Medien haben wir uns auf eigene Initiative der Einwohnerschaft bekannt gemacht und erfahren hier breite ideelle Unterstützung.

Bisher jedoch leider noch ohne konkreten Erfolg.

Nach wie vor ist der Freiraum Elbtal akut und alternativlos existenzbedroht.

Steigende Mieten und Bauboom in Dresden bescheren anderen Initiativen das gleiche Existenzproblem, viele sind bereits verschwunden.

Hinzu kommen oben beschriebene Finanzierungs- und Bürokratiehürden.

Im öffentlichen Bereich ist es grundsätzlich schwierig, non-profit-Projekte zu realisieren (Straßenfeste, Free-Tecs, Straqßenkunstverordnung, Versammlungs-Auflagen).

Fast immer sind non-profit-Projekte entweder in ihrer unmittelbaren Umgebung (Stadtteil) oder aber auf „Spezialgebieten“ aktiv. Dies bietet den Vorteil, dass sie sehr agil und „nutzer-gerecht“ handeln können. Es bringt aber den (scheinbaren) Nachteil mit sich, dass sie fast immer nicht relevant für eine Mehrheit der Gesellschaft sind. In einer mehrheiten-dominierten Stadtpolitik wird das oft als Grund genutzt, um Nicht-Beachtung – oder Ignoranz – gegenüber den Initiativen zu begründen. Das ist in meinen Augen verkehrt, da damit der Vielfältigkeit der Aktivitäten und Bedürfnisse der Nutzer_innen nicht ausreichend begegnet wird. Genau diese Vielfältigkeit und Bedarfs-Gerechtheit sind das Potential, das Initiativen wie der Freiraum Elbtal zur Gesellschaft beitragen.

JM