24.4.2013 Interview mit A.G. (Auszug)

24.4.2013 Interview mit A.G. (Auszug).

Frage: Seit wann wisst Ihr Bescheid über die Hafen City?

Die Kündigung des Mietvertrags haben wir im Herbst 2012 erhalten.

Allerdings haben wir in 2010 bereits von der Hafen City gehört und es war klar: das betrifft auch uns. Zu der Zeit ist eine Broschüre zum „Masterplan Leipziger Vorstadt, Neustädter Hafen“ erschienen (November 2010).

Viele direkt und indirekt Betroffene haben – wie auch später – die mangelnde Bürgerbeteiligung sowie die großflächigen Gebäudekomplexe im Masterplan bemängelt. Damals wurde dieser Einwand abgetan mit der Begründung, es handle sich um „planungstechnische Platzhalter“. Es sei kleinteilige Bebauung geplant, die Pläne seien noch sehr grob.

Im Nachhinein stellt sich nun heraus: das Misstrauen der Bürger war berechtigt.

Frage: Was habt ihr damals und bisher unternommen?

Zuerst wollten wir mal rausfinden, was eigentlich Phase ist. Wir waren sowieso immer latent bedroht. Wir hätten jederzeit gekündigt werden können, sobald jemand Kauf-Interesse für das Gelände äußert. So steht es in unserem Mietvertrag.

Allerdings war die Wahrscheinlichkeit immer sehr gering, dass jemand kaufen will. Zwar ist das Grundstück infrstrukturell gut gelegen, aber der fehlende Hochwasserschutz machte das Objekt zum risikogelände. Die Stadt hat häufig betont, dass ein Hochwasserschutz für diesen Teil der Elbe nicht geplant sei. 2002 war das gesamte Gelände unter Wasser. Zusätzlich steht zu vermuten, dass der Boden des Geländes verseucht ist. 2002 wurde das Bauvorhaben für ein altersgerechtes Wohnheim verworfen aufgrund des großen Hochwassers. Damit hatten wir überhaupt erst die Chance, das Gelände zu mieten.
Die Baugenehmigung existiert jedoch heute noch.

Das änderte sich mit der Nachricht, dass Hafen City kommt.

Mithilfe von Dresdner Stadträten und Landtagsabgeordneten sowie mit Besuchen beim Stadtplanungsamt versuchten wir herauszufinden, wie schnell die Pläne umgesetzt werden sollen und ob es denn schon einen Investor gäbe.

Es hieß damals, dass das Bauvorhaben wohl erst in 10 – 15 jahren realisiert werden würde. Es handle sich lediglich um einen „Masterplan“ – das schon heiße, dass es nur ein sehr grober Vorentwurf sei. Es gäbe viele Probleme zu lösen – eben die Frage um den kniffligen Hochwasserschutz zum Beispiel.
Investoren gäbe es wohl noch keine. Die Stadt hoffe darauf, dass die privaten Immo-Firmen sich vom städtischen Masterplan inspiriert fühlten und investieren würden, um gemeinsam den Plan der Stadt umzusetzen.

Das war vor zwei Jahren.

Wir überlegten tatsächlich, das Gelände zu kaufen. Wir vermuteten einen Kaufpreis von 1,5, mio. Das ist wenig im Vergleich zu den 6-10 Mio, zu denen es gerüchteweise momentan gehandelt wird.
Trotzdem ist es erstmal viel gewesen und auch für uns stellte sich die Frage: Wollen wir Grundstückseigentümer sein von einem Grundstück, das höchwahrscheinlich kontaminiert ist?  Woher sollen wir all das Geld nehmen, um A das Gelände zu kaufen und B das Erdreich zu bereinigen?
Wir zählten ein bisschen auf das Stadtplanungsamt. Im November 2010 gab es die Veranstaltung „Wildnis in der Stadt“, die u.a. von Vertreter_innen des Stadtplanungsamts organisiert worden war. Geladen waren u.a. Stadtplaner_innen aus Berlin, die betonten, wie wichtig es ist, eine Stadt mit vielen Freiflächen zu konzipieren. Nicht alles zuzubauen. Und auch über die bürgerbasierten Bewegungen wurde gesprochen – wie groß deren Potential sei und dass nicht alles von oben durchorganisiert werden darf, damit genug Raum sei für selbstorganisiertes Bürgerengagement.
Im drauf folgenden Jahr fanden die „Brownfield Days“ statt. Eine europaweite Kommission von Stadtplaner_innen begutachtete u.a. das Sanierungsgebiet Dresden-Pieschen und das „Masterplangebiet Leipziger Vorstadt, Neustädter Hafen“. Sie waren auch auf unserem Gelände, über das wir sie führten. Die Leute waren entzückt, regelrecht berauscht. Bei der abschließenden Ergebnis-Vorstellung der Kommission wurde durchweg betont, wie wertvoll ein Projekt sei wie unseres. „Freiraum Elbtal“ solle unbedingt erhalten bleiben, da es ein wichtiges Gegengewicht zur ansonsten recht musealen Ausstrahlung Dresdens darstelle, die kritisiert wurde. Dass Projekte wie unseres eine Stadt am Leben erhalten.

Ich muss zugeben, wir fühlten uns geschmeichelt. Das war sehr naiv. Wir haben darauf gezählt, dass das Stadtplanungsamt uns unterstützen würde in dem Wunsch, am derzeitigen Standort zu bleibt. Dass die „Stadt“ von sich aus verstehen würde, dass nicht-kommerzielle Projekte und Freiräume wichtig sind für Dresden. Wir sagten: Wir wollen ein Teil von „Hafen City“ sein. Einfach, weil wir schon da sind.

Jetzt weiss ich, dass das Stadtplanungsamt scheinbar keinen Einfluss hat auf die Bauentscheidungen in Dresden.

Damals haben wir dort vorgesprochen und gefragt, ob das Amt unser Projekt unter Schutz stellen könne. Immerhin war im Masterplan eine „Kulturspange“ vorgesehen, die haarscharf an unserem Gelände vorbeiführt. Ob wir denn nicht da mit rein könnten, zusätzlich zur Showbox und zum Alten Schlachthof? Wir machen doch auch Kultur — nur eben unkommerziell.

Nein, da könne man nichts machen. Die Eigentümer entscheiden, für unser Gelände sei eben Wohnbaurecht vergeben.

Wir waren sehr eingenommen vom internationalen Flair, dass die Stadtplaner_inen und „Wildnis in der Stadt“ in die Stadt brachten und dachten wohl, Dresden würde sich davon bereichern lassen.

Heute denke ich: weit gefehlt.

Frage: Wann kam USD ins Spiel und wie sieht es heute aus? Ihr seid gekündigt zum 30.Juni, das ist sehr bald.

Nach der Kündigung durch die Verwalterfirma des Geländes baten wir, einen Kontakt zum mutmaßlichen Käufer zu bekommen, um mit ihm direkt verhandeln zu können. Uns fehlte auch die Info, ob denn schon verkauft sei oder noch wird. Beides blieb unbeantwortet.

Wir recherchierten auf eigene Faust und fanden heraus: nur USD oder Dresden Bau kamen infrage. Irgendwann sprach niemand mehr über die andere Firma, immer mehr Infos zur USD kamen dafür. Dass z.b. der Neustädter Hafen gekauft sei einschließlich des Radwegs, der daran entlangführt. Dass die USD dabei sei, halb Dresden aufzukaufen. Ergänzung Ergänzung November 2013

Heute wissen wir, dass Dresden Bau ein Vorkaufrecht auf das Freiraum-Gelände erworben hat. Die alte Baugenehmigung aus den Neunzigern ist bisher vom Stadtplanungsamt noch nicht verlängert worden und wird es wohl auch nie. Einen neuen Bauantrag gibt es noch nicht. Lediglich in der Zeitung wurden Bilder veröffentlicht von einer Wohnanlage „Marina Garden“, die Dresden Bau am Puschkinplatz plane. Allerdings ist spätestens seit der Flut 2013 klar, dass eine Wohnbebauung an dieser Stelle gar nicht genehmigungsfähig sein dürfte. Das Freiraum-Gelände stand bis zu 2,50m unter Wasser, es ist die am tiefsten gelegene Stelle im Gebiet.)
Nun ist ja auch klar, dass die angeblichen „Platzhalter“ im „Masterplan Leipziger Vorstadt, Neustädter Hafen“ tatsächlich keine waren, sondern wirklich riesige Klopper da hin sollen. 10- bis 12-Geschosser bis an die Elbe ran!

Leipziger Straße 33A 01097 Dresden, Nähe Puschkinplatz

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